War der Physiknobelpreis in diesem
Jahr unverdient?
Von Alexander Unzicker
Physik, Chemie, Medizin: Zu verstehen, ob
ein naturwissenschaftlicher Nobelpreis zu Recht vergeben wurde, können oft
schon Kollegen der Nachbardisziplin nicht mehr einschätzen. Anders sieht es in
diesem Jahr beim Physiknobelpreis für ein Partikel mit dem Kosenamen
"Gottesteilchen" aus, das vom Europäischen Zentrum für Kernforschung
(CERN) in Genf entdeckt wurde. Der Physiker Alexander Unzicker sieht die Wahl
kritisch.
Das ging schnell: Im letzten Jahr hörten wir vom "Gottesteilchen"
Higgs-Boson, in diesem Jahr gibt es prompt den Physik-Nobelpreis dafür. Und
doch wussten in Stockholm wohl wenige, wofür genau sie eigentlich stimmten. Die
Akademie sah sich einer übermächtigen Erwartungshaltung gegenüber, die die
Propaganda des CERN mit intensivem Lobbying aufgebaut hatte, um das teuerste
Experiment aller Zeiten zu rechtfertigen.
Die Sensationsmeldung, ein fundamentales Teilchen sei entdeckt worden, liegt
irgendwo zwischen Missbrauch der Sprache und einer Lüge. Was gefunden wurde,
löste kein einziges Problem der Physik, und wurde doch sofort als Entdeckung
des Jahrhunderts gefeiert. Ob dies bewusste Irreführung, schamlose
Marktschreierei oder törichtes Nachplappern war, sei dahingestellt.
Sicher ist nur, dass große Physiker wie Albert Einstein die Higgs-Geschichte
vollkommen lächerlich gefunden hätten. Nicht eine Sekunde hätten sie daran
geglaubt, dass dieses hochkomplizierte Modell der Elementarteilchenphysik mit
seinen dutzenden von unerkärten Zahlen eine sinnvolle Naturbeschreibung sein
kann.
Besonders dreist ist die Behauptung, der "Higgs-Mechanismus" trüge
zum Verständnis der Masse bei. Paul Dirac, der jahrelang über das bis heute
rätselhafte Massenverhältnis von Proton und Elektron grübelte, würde sich im
Grab umdrehen, hörte er davon.
Hochenergiephysik ist seit Langem von einer Wissenschaft zu einem technischen
Hochleistungssport mutiert, getrieben von der immer gleichen Idee höherer
Kollisionsenergien. Im Sinne fundamentaler Naturerkenntnisse sind ihre
Resultate vollkommen wertlos. Unredlich und gefährlich ist, wie sie als
Fortschritt verkauft werden.
Teilchenphysik ist
hinausgeworfenes Geld
Jeder, der die letzten Jahrzehnte
Beschleunigerphysik verfolgt hat, muss bemerkt haben, dass die Strategie,
seltene, aber letztlich banale Signale aus der Datenflut herauszufiltern und zu
neuen Teilchen zu erklären, offenbar nie ein Ende nimmt. Nur weil die
ringförmigen Maschinen ganze Forschergenerationen beschäftigen, fällt es nicht
mehr auf, dass sich das Spiel alle 10 bis 15 Jahre wiederholt und sich die
Teilchenphysik seit einem halben Jahrhundert buchstäblich im Kreise dreht.
Der Gedanke, dass Zehntausende Physiker ein unüberschaubares Experiment zu
einem unsinnigen theoretischen Modell betreiben, scheint sich selbst zu
verbieten. Zu schmerzhaft, als dass er auch nur erwogen werden kann. Nüchtern
betrachtet, ist das aber so. Teilchenphysik ist hinausgeworfenes Geld.
Ich bin keineswegs ein Fundamentalskeptiker, der die ganze Physik anzweifelt.
Warum? Weil ohne Maxwellsche Elektrodynamik kein Handy funktionieren würde,
ohne Quantenmechanik keine Digitalkamera, ohne Einsteins Allgemeine
Relativitätstheorie kein GPS-Empfänger. Aber die Teilchenphysik hat in den
letzten 60 Jahren nichts hervorgebracht, was außerhalb der akademischen Zirkel
funktionieren musste.
Die meisten Physiker begreifen intuitiv, dass riesige Forschungszentren für
Jahrzehnte dauernde Experimente nicht der Ort sind, wo Kreativität gedeiht.
Nur: Niemand will dies laut sagen. Fragen Sie in Ihrem Bekanntenkreis
Geophysiker, Astronomen oder Festkörperphysiker, ob sie auch nur entfernt
nachvollziehen können, worin die Entdeckung des CERN besteht. Sie werden die
Achseln zucken. Fragen Sie dagegen einen Teilchenphysiker, wird er sich sehr
bald auf das Argument berufen, dass alle Analysen von vielen Leuten überprüft
und abgesichert worden seien, und zwar aus einem Grund: weil er selbst das
Experiment nicht überblickt.
Niemand kann die Analysen ausgehend von den Rohdaten überprüfen, und das ist
der eigentliche Skandal. Die Auswertung müsste Schritt für Schritt, transparent
und mit zugänglichem Computercode im Web nachvollziehbar sein. Das wäre
Wissenschaft. Die Ironie bei der Geschichte ist: Erfunden wurde das Web am
CERN.
Alexander Unzicker ist Physiker, Jurist, promovierter Neurowissenschaftler und
Autor. Sein Buch "Vom Urknall zum Durchknall - die absurde Jagd nach der
Weltformel" wurde von "Bild der Wissenschaft" als
Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 ausgezeichnet. Gerade neu erschienen ist
"The Higgs Fake - How Particle Physicists Fooled the Nobel Committee".
© 2013 Deutschlandradio vom 31.10.2013