Was passiert, wenn ein Mensch
einen anderen berührt
Jeder Dritte in Deutschland vermisst Geborgenheit und würde gern öfter
umarmt werden. Warum ist das so wichtig? Eine Dokumentation erklärt, was im
Körper passiert, wenn wir von anderen berührt werden.
Berührungen machen glücklich: Jeder dritte Deutsche würde gerne öfter in
den Arm genommen werden.
Plötzlich steht dieser wildfremde Mann vor Ihnen. Schaut ganz freundlich.
"Darf ich Sie mal in den Arm nehmen?", fragt er. Paul Amberg ist ein
Mensch auf der Suche. Er fühlt für die "ZDFzoom"-Doku "Fass mich
an … – Warum Berührung so wichtig ist!" vor, wie das ist mit dem Anfassen
fremder, verwandter, geliebter Menschen, und fragt, wofür es eigentlich gut ist,
sich gegenseitig zu berühren. Seine Reise in die Welt des Körperkontakts führt
ihn bis in die USA.
Der Titel ist Programm, denn er findet nur gute Gründe, sich berühren zu
lassen. Negative Auswirkungen ungewollten Anfassens sind nur als Umkehrschluss
aus dem herauszulesen, was er von Wissenschaftlern, Psychologen und Ärzten
erfahren hat.
Die Thesen des halbstündigen Films: Jeder Dritte in Deutschland würde gern
öfter in den Arm genommen werden, viele erleben ein Defizit an Wärme und
Geborgenheit. Eine der Leitfragen ist, welchen Schaden es anrichtet, wenn
Berührungen fehlen in einem Lebensalltag, der zu oft vom Abgleiten in virtuelle
Smartphone-Welten bestimmt ist.
Anfassen, massieren, eng aneinanderdrücken mit verbundenen Augen ist
erlaubt. Doch nur voll bekleidet, erogene Zonen sind tabu. No Sex.
"Berührung ist immer gekoppelt an sexuelle oder Eltern-Kind-Begegnungen",
sagt die Veranstalterin.
Hier jedoch fassen sich Fremde an, es geht um Geborgenheit und Entspannung.
"Nach sechs Stunden Kuschelparty gibt es einen Endorphinschub
sondergleichen, der einen durch die nächsten Tage trägt", erzählt
Teilnehmer Anders. Ist das normal?
Quickies bringen nichts
"Ja!" Der Psychologe Dr. Martin Grunwald, der das
Haptik-Forschungslabor an der Universität Leipzig leitet, weiß, dass
Berührungen zu positiven körperlichen und seelischen Veränderungen führen, was
sich, wie er sagt, neurophysiologisch nachweisen lässt. Amberg startet den
Selbstversuch und lässt die elektrischen Ströme im Gehirn während und nach einer
Rückenmassage messen.
Was dabei passiert, erklärt Grunwald so: Rezeptoren auf der Haut werden
durch großflächige Deformation, das kann eine Umarmung sein oder eben eine
Massage, erregt. "Ein gigantischer biochemischer Strom erreicht das
Gehirn." Dort werden verschiedene Neurotransmitter und Hormone produziert,
die den Herzschlag langsamer werden, die Muskulatur entspannen und den
Stresspegel sinken lassen. So weit, so technisch.
Dieses Wissen hilft, die Behandlungsmethoden des Leiters der Bremer
Schreiambulanz Thomas Harms zu verstehen. Berührung ist hier Therapie, die
Fortsetzung des Geborgenheitsgefühls, das ein Baby als Urerfahrung aus dem
Mutterleib mitbringt. "Es gibt Fast Food und Slow Food auch auf der
Berührungsebene", sagt er. "Wir brauchen Slow Food." Und zwar
Kinder wie Erwachsene. Anfassen als Heilmittel?
Online-Massage aus der Internet-Apotheke
Ein Besuch in Miami, USA, ja so was gibt es, Touch Research Institute. Dr.
Tiffany Field untersucht die heilende Wirkung von Massagen. An Frühchen findet
sie heraus: Massieren regt eine bessere Verdauung an und setzt Wachstumshormone
frei.
Bei erwachsenen Patienten mit Arthritis und Rückenschmerzen helfe es, in
einen tiefen Schlaf zu finden, der entscheidend sei, um schmerzfrei zu werden.
Sie ist davon überzeugt, dass durch Berührungen Krankheiten vorgebeugt werden
kann, aber auch davon, "dass wir unterberührt sind".
Eventuell ändert sich das durch die
Forschung von Yon Visell, Direktor des RE Touch Lab an der Universität Santa
Barbara. Das ZDF lässt sich zeigen, wie eine Berührung in elektromagnetische
Impulse umgewandelt wurde, Berührungsmuster aufgezeichnet und wieder abgespielt
werden können.
Redakteur Amberg wird mithilfe von
Elektroden das Gefühl einer Berührung auf die Hand übertragen: "Als ob man
mit drei Fingern auf den Tisch klopft." Vielleicht, so Visell, kann man in
30 Jahren Umarmungen über das Internet übertragen oder Massagen aus der
Onlineapotheke. Fernbeziehungen könnte es auf jeden Fall erleichtern.
Bis dahin muss, wer's will, offline
kuscheln. So wie Amberg und die Passantinnen auf der Straße. Die dritte fand
das "wunderbar, eine Streicheleinheit am Tag hat man immer gern"!
Aber bitte ganz slow.
"ZDFzoom", "Fass mich an … – Warum
Berührung so wichtig ist!", Mittwoch, 13. Juli 2016, 22.45 Uhr © WeltN24 GmbH 2016. Alle Rechte vorbehalten