Es war einmal vor
sehr langer Zeit ein wunderbarer See. Sein Wasser war so klar und rein wie das
helle Sonnenlicht. Und weil aus der Tiefe des Sees ein wunderbares Licht empor
schimmerte, nannte man ihn den Sonnensee. Dieser See war das Reich des
Schwanenkönigs, der über eine große Schar leuchtend weißer Schwäne herrschte.
Er war ein gütiger König und kannte jeden einzelnen Schwan bei seinem Namen. Da
das Glück und die Freude aller seiner Schwäne sein höchstes Ziel waren, gab es
auf diesem See kein Leid, keine Not und keine Traurigkeit. Das wundersame Licht
des Sees wärmte die Schwäne, so dass ihr leuchtendes Gefieder sehr leicht und
luftig war.
Eines Tages gab der
König ein großes Fest zu Ehren der Volljährigkeit seines ältesten Sohnes. Der
junge Prinz war sehr beliebt bei den Schwänen, die gern der Einladung zum
Geburtstag folgten. Abertausend Blumen und Girlanden schmückten den großen
Festsaal des Schlosses und die feinsten Speisen wurden serviert. Wundersame
Musik erfüllte den Saal, und der König führte mit seiner Gemahlin die Gäste zum
Tanze. Als die Feierlichkeit ihren Höhepunkt erreichte, erinnerte der König die
Anwesenden an den besonderen Anlass dieses Festes. "Meine lieben
Kinder", sprach er, denn er war wie ein Vater für alle, "wir sind
heute zusammengekommen, um den Geburtstag unseres lieben Sohnes zu feiern. Es
freut mich ganz besonders, da ich weiß, wie auch ihr ihn über die Jahre
schätzen gelernt habt, und ihn in Eure Herzen aufgenommen habt. Daher habe ich
beschlossen, ihn von nun an als Mitregenten des Sonnensees zu erheben. Als
Zeichen dieser Würde und hohen Aufgabe schenkte ich ihm diesen Kristall".
Ein Raunen ging
durch die erstaunte Schar der Schwäne als der König eine Kette mit einem
strahlenden Kristall um den Hals des Prinzen legte. Dankbar und sichtbar
gerührt nahm dieser das Geschenk seines Vaters an. Gerade wollten die Gäste in
einen begeisterten Freudesbeifall ausbrechen, als die zornige Miene der Königin
sie schroff zurückhielt. "Wie kannst du unseren Sohn als Mitregenten bestellen",
rief sie, "wo doch dieses Recht ganz allein mir, deiner Frau, zustehen
sollte"? Der König schwieg und sah seine Frau lange mit liebevollen Augen
an. Dann sagte er: "Alles was mein ist, das ist auch dein. Dir gehört
dieser See, wie auch allen anderen Schwänen. Was willst Du noch mehr"?
"Ich will mein eigenes Reich"! bestimmte die Königin, "wo ich
allein regieren kann - so wie es mir gefällt"!
Diese Worte
stimmten den König sehr traurig, denn er liebte seine Frau über alles. Seine
tiefe Liebe zu ihr verbot es ihm jedoch, sich dem Willen seiner Frau zu
widersetzen. "Ich werde dir dein eigenes Reich schenken", sagte der
König nach einer Weile. "Am Rande meines Reiches liegt ein großer See, den
man den Mondsee nennt. Ihn magst Du als dein Eigentum nehmen und dort dein
Reich gründen".
Die Königin verlor
keine Zeit. Sie nutzte die Gelegenheit der anwesenden Gäste und versprach
jedem, der mit ihr kommen wolle, hohe Ämter und Auszeichnungen in ihrem neuen
Reich. Sie verstand es, geschickt für ihr neues Unternehmen zu werben und eine
beträchtliche Zahl von Schwänen ließ sich für ihren Plan gewinnen.
Für den König und
allen verbliebenen Schwänen war es ein trauriger und sehr schmerzhafter
Abschied als die Königin sich mit ihrem
Gefolge vom Sonnensee erhob und mit kräftigen Flügelschlägen in die Richtung
des Mondsees zog. Es war ein weiter Flug für die Königin und ihr Gefolge. Je
mehr sie sich von ihrer ehemaligen Heimat entfernten, desto dunkler wurde es um
sie. Endlich sahen sie in der Ferne das silberne Licht des Mondsees. Erschöpft
ließen sich die Schwäne auf ihm nieder. Zum ersten Mal in ihrem Leben
verspürten sie Kälte, denn das Licht des Sees war nur der fahle Widerschein des
weit entlegenen Sonnensees. Sie froren und waren hungrig.
Das Leben auf dem Mondsee war anders als sie es gewohnt waren. Es fehlten
die Wärme und der Überfluss. Ihr leichtes, weißes Gefieder war viel zu dünn und
alsbald wuchsen den Schwänen neue Federn über ihr weißes Kleid. Diese Federn
wärmten sie zwar etwas, aber sie waren viel größer, gröber, schwerer und sie
waren pechschwarz! Ihr neues Federkleid wurde dabei so schwer, dass selbst das
Fliegen für sie mühsam wurde, und sie alsbald nur noch auf dem kalten See herum
schwammen, wo sie sich um die wenigen Futterbisse stritten. Viele dachten noch
oft an den schönen, warmen Sonnensee, wo das Leben so viel reicher war. Doch
längst war ihr Gefieder zu schwer geworden, um noch an einen Rückflug zu
denken. So vergingen die Jahre und mit ihnen schwanden auch mehr und mehr die
letzten Erinnerungen an den Sonnensee.
Doch der Schwanenkönig hatte sie nicht vergessen. Er dachte immerzu mit
wehem Herzen an die Königin und an jeden einzelnen Schwan, der sich ihr
angeschlossen hatte. Er wusste um ihre Not und wünschte sich nichts mehr, als
dass sie alle zum Sonnensee zurückkehren würden. Die anderen Schwäne in seinem
Reich fühlten ebenso wie er und sehnten sich nach ihren Brüdern und Schwestern,
die nun auf dem kalten Mondsee froren.
Der König überlegte lange, was er tun könne, um die verlorenen Schwäne
zurückzuholen und sie von ihrem mühsamen Los zu befreien. Alsbald sandte er
Schwäne aus, die als Boten zum Mondsee flogen, um die verlorenen Schwäne zur
Rückkehr zu bewegen. Doch diese Boten in ihren weißen Gefiedern wurden mit
großem Argwohn auf dem Mondsee empfangen. Man wollte ihr Werben und ihre Worte
nicht hören. Man verlachte und verhöhnte sie und mancher weiße Schwan wurde
sogar von der erregten Schar erschlagen.
So kam ein Bote nach dem anderen und allen erging ein ähnliches Schicksal.
Die Herzen der schwarzen Schwäne auf dem Mondsee waren - wie der See - kalt
geworden und wollten sich nicht für die Worte der weißen Schwäne öffnen lassen.
Da trat eines Tages der junge Prinz zu seinem Vater und sprach: "Vater, lass`
mich gehen, um zu den verlorenen Schwänen zu reden und sie zur Rückkehr zu
bewegen." Der Vater schaute auf seinen Sohn und tiefe Freude stieg in ihm
empor. Doch sprach er: "Warum glaubst du, dass dir gelingen wird, woran
viele andere vor dir schon scheitern mussten“.
"Vater, als Mitregent des Reiches trage ich auch Verantwortung für
jeden einzelnen Schwan. Es ist aber nicht nur meine Pflicht, die Schwäne
zurückzuholen, sondern auch mein tiefer Wunsch und Wille. Ich werde als Zeichen
meiner Aufgabe den Kristall mitnehmen, den Du mir einst geschenkt hast. Er möge
mir helfen, die Erinnerung in den Schwänen wieder zu wecken." Da umarmte
ihn der Schwanenkönig und ließ seine Abreise vorbereiten.
Es war eine kalte Winternacht, als sich der Königssohn dem Mondsee in
langsamen Flug näherte. Manche Schwäne, die in jener Nacht nicht schliefen,
konnten ihn schon fern am Himmel kommen sehen. Wie ein großer leuchtender Stern
strahlte sein Kristall durch die dunkle Nacht. Doch nur wenige freuten sich
über sein Kommen und über das wundersame Leuchten, das von ihm und seinem
Kristall ausging. So mancher, der von ihm und seinem sonderbaren Licht angezogen
war, konnte oder wollte aber seine Worte nicht verstehen. Der Königssohn
forderte die Schwäne auf, sich ihre schwarzen Federn auszureißen, die sie so
träge und schwerfällig machten. "Aber das schmerzt doch ungeheuerlich und
es wird bluten!" riefen die einen entsetzt. "Willst du, dass wir
nackt herumlaufen?" spotteten die anderen.
"Glaubt mir," sprach der Königssohn, "unter eurem schwarzen
Federkleid ist ein rein-weißes Gefieder, das leicht und luftig ist. Damit
werdet ihr wieder fliegen können, so wie ich. Und wenn ihr erst wieder fliegen
könnt, dann könnt ihr auch zurückkehren in meine Heimat, dem Sonnensee. In jenem
Reich meines Vaters wird niemand mehr frieren und hungern. Befreit euch von
euren lästigen Federn und kommt mit mir zurück." Und als er so redete
erfuhr die Königin von seiner Ankunft. Sie fürchtete, dass es ihm gelingen
würde, ihr Reich aufzulösen und alle Schwäne zu Sonnensee zurückzuholen.
Schnell und geschickt wiegelte sie die Menge unschlüssiger Schwäne gegen
ihn auf. Ihre Verleumdungen und Lügen um den weißen Boten vom Sonnensee wuchsen
und mehr und mehr Schwäne sahen plötzlich in ihm eine drohende Gefahr. Sie
zeterten und schrien auf ihn ein und auf jene, die ihm folgten. Sie schlugen
mit ihren schwarzen Flügeln und der Tumult wurde so groß, dass alsbald Steine
flogen und wilde Schreie über dem ganzen See zu hören waren. Plötzlich traf ein
Stein den Kopf des Königssohns. Er sank in sich zusammen und sein schöner
langer Hals fiel auf die nackten Klippen des Sees. Hierbei zersprang der
funkelnde Kristall in abertausend kleine Teile. Doch statt auf den Boden zu
fallen, fielen die kleinen Stücke in die Herzen aller schwarzen Schwäne, wo sie
von nun an zu leuchten begannen.
Erstarrt und erschrocken verharrte die Menge als sie sah, was geschehen
war. Hatten sie wirklich diesen schönen Schwan erschlagen? Und als sie noch auf
den leblosen Körper blickten, verschwand dieser plötzlich ganz vor ihren Augen!
Was war das? Verwundert schauten sie einander an. Nun bemerkten sie plötzlich,
dass ein seltsames Leuchten unter ihren schwarzen Federn hervor schimmerte.
Sollte der weiße Schwan etwa recht gehabt haben? Sollte wirklich ein weißes,
strahlendes Federkleid unter ihren dunklen Federn verborgen liegen?
Nun begannen einige sich die ersten schwarzen Federn auszureißen. Es
schmerzte ungeheuerlich und Tränen traten in ihre Augen. Doch sie gaben nicht
auf. Und siehe da: es zeigten sich bald weiße Flügel, mit denen sich leicht der
Wind fangen ließ. Erfreut entledigten sich die Schwäne noch der restlichen
schwarzen Federn und begannen die ersten Flugversuche. Mehr und mehr Schwäne
folgten und bald war der ganze See in Aufruhr. Von ihrem Schloss sah die
Königin, dass ihre Schwäne begonnen hatten, sich für die Heimreise zu rüsten.
Sie sah, wie sich immer mehr Schwäne ihrer schwarzen Federn entledigten und die
ersten Flugversuche unternahmen.
Und also sie den ersten weißen Schwan hoch am Himmel kreisen sah, wurde ihr
sehr schwer ums Herz. Tränen traten in ihre Augen und sie erkannte ihren dummen
Eigensinn, womit sie sich an den kalten See selber verbannt hatte. Sie begann
sich nach dem warmen Sonnensee zu sehnen und wünschte sich nichts lieber, als
wieder die Frau an der Seite des Sonnenkönigs zu sein. In dem Moment kamen die
ersten Schwäne auf sie zu. Aufgeregt durch ihre ersten Flugversuche riefen sie
ihr zu: "Schau`, wir können fliegen! Komm` mit uns, wir ziehen zurück zum
Sonnensee. Auf was wartest Du noch?
Aber die Königin wusste, was sie zu tun hatte und rief: "Fliegt nur
voraus. Ich komme bald nach!" Dann machte sie sich auf, allen Schwänen zu
helfen, sich ihres schwarzen Gefieders zu entledigen. Sie wusste, dass sie
nicht eher zurückkommen durfte, bis der allerletzte Schwan wieder fliegen
konnte und zum Sonnensee zurückgekehrt ist. Und so half sie einem Schwan nach
dem anderen. Als letzte entledigte sie sich selber ihres schwarzen Federkleides
und hob sich in die Lüfte um den anderen zu folgen.
Das Fest, das die verlorenen Schwäne zu ihren Ehren bei ihrer Wiederkehr
vorfanden, war von einer Größe und Freude, dass es unmöglich ist, es mit Worten
zu beschreiben. Geschwind trugen die verlorenen Schwäne all die kleinen
Kristallstücke zusammen, die in ihrem Herzen eingebettet waren. Jetzt hatten
sie diese nicht mehr nötig und dankbar brachten sie die Kristallstücke dem
Königssohn zurück, der sie von nun an als Zeichen seiner Würde als wundersame
Krone auf seinem Haupte trug.
Heinz Wilhelm
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