Kai Strittmatter aus Peking am Donnerstag den 30. Juni
2016 Kleine Geschichte
Mein Satz der Woche war in der Pekinger «Global Times» zu lesen. «Nun, da
viele chinesische Familien Hunde als Haustiere halten, überdenken die Chinesen
gerade die Rolle des Hundes in ihrem Leben», stand da. «Allerdings sind sie da
noch zu keinem Konsens gekommen.» Nämlich, ob man den Hund nun lieber
streichelt. Oder isst. Oder ob man ihn zuerst streichelt und dann isst. Oder ob
man den, der Hunde isst, an den Pranger stellt. Als Barbaren. So wie es den
Leuten in der Stadt Yulin geschieht, die mal wieder ihr Hundefleischfest
feiern. Sehr zum Missfallen der zivilisierten Welt, also unter anderem von Pamela
Anderson und Kelly
Osbourne.
Ich steh da auf der Seite der Chinesen, und nicht erst, seit mich ein
Hundekoch fragte: «Sag mal, Ihr esst doch auch Kühe und Kälblein. Was sagen
denn da die Inder dazu?» Ich esse kaum Fleisch. Trotzdem hatte ich mir
vorgenommen, den Hundeeintopf zu probieren, als ich vor drei Jahren nach Yulin
reiste. Ich tat es dann nicht, und das lag daran, dass ich vor dem Fest ein
Asyl geschundener Hunde besucht hatte, die teils an üblen Verletzungen litten,
die sie während des Transportes nach Yulin erlitten hatten. Mir war der Appetit
vergangen. Das Mitleid mit der Kreatur ist eine großartige menschliche
Errungenschaft. Allerdings ist die moralische Empörung der Welt mit einiger
Blindheit geschlagen. Dafür etwa, dass in Deutschland noch bis 1986 Hunde
geschlachtet wurden, dass die Stadt Dresden für ihre Hundegerichte bekannt war.
Und Blindheit dem anderen gegenüber, dafür etwa, dass die Chinesen das
Mitgefühl mit allen Lebewesen lange vor den Europäern in den Stand einer
Massenbewegung erhoben hatten, nämlich vor knapp zweitausend Jahren mit der
Einführung des Buddhismus.
Der pragmatische Prinz aus Dänemark
Die Gegner des Hundefleischfests verweisen oft auf die Qualen, die den
Hunden beim Transport und vor dem Schlachten zugefügt werden. Tatsächlich
geschieht da Grausames und Beschämendes. Und trotzdem wird man den Verdacht
nicht los, dass die Entrüstung stets auch getragen wird von zwei nicht immer
ausgesprochenen moralischen Urteilen. Erstens: Hunde sind «Freund!
Nicht Essen!» (CNN), und allein deshalb tabu. Und zweitens: Den fremden Chinesen ist jede
Barbarei zuzutrauen. Dabei findet sich das Argument, der Hund sei als Freund
des Menschen am Leben zu lassen, auch im alten China, beim Gourmet Li Yü – der
dann dem Hund gleich das Rind als Menschenfreund zur Seite stellt. Was sich
einerseits gut begründen lässt und andererseits die Willkür solcher Einordnungen
zeigt.
Eigentlich haben allein Veganer das Recht, mit dem Finger auf Hundeesser
zu zeigen. Selbst Vegetarier sollten die Klappe halten, denn geschunden und
sinnlos gemordet wird auch fürs Frühstücksei. Ob aber all die Chinaverdammer
bei sich zu Hause ebenso engagiert für Küken, Hühner, Schweine und Rinder
kämpfen?
Mir ist der Pragmatismus eines Prinz Henrik von Dänemark sympathisch. Das
ist jener Prinz, der einst seine Liebe zum Hundefleisch gestand, und der dann
keinen Widerspruch darin sah, zu verkünden, wenn er je wiedergeboren würde,
dann bitte als Dackel, was die Dänen schon weniger verwunderte, da der Prinz
Ehrenpräsident ihres Dackelverbandes ist. Damit ist Prinz Henrik in der Summe
zwar nicht unbedingt tier- aber doch menschenfreundlicher als so mancher
hysterischer Aktivist, und das ist ja schon mal ein erster Schritt.
baz.ch
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